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May

Sanieren nach EnEV / GEG – warum gerade hier im Altbau die meisten Schäden entstehen

Wenn energetische Sanierung zum Risiko wird

Energie sparen, Gebäude dämmen, Heizkosten senken – auf dem Papier klingt die energetische Sanierung eindeutig sinnvoll.

In der Praxis zeigt sich jedoch ein anderes Bild.

Gerade im Altbau und im denkmalgeschützten Bestand führen Maßnahmen nach EnEV bzw. GEG immer wieder zu Schäden, die erst Jahre später sichtbar werden.

Das Problem liegt dabei nicht im Gesetz selbst, sondern in der Art, wie es umgesetzt wird.

 

Der grundlegende Denkfehler

Moderne energetische Anforderungen werden auf Gebäude übertragen, die nach völlig anderen Prinzipien funktionieren.

Altbauten sind keine dichten Systeme.

Sie arbeiten über:

  1. Feuchteausgleich
  2. Diffusion
  3. kapillaren Transport
  4. Rücktrocknung

Diese Mechanismen sorgen dafür, dass die Konstruktion über Jahrzehnte stabil bleibt – solange sie nicht gestört wird.

 

Was bei energetischen Maßnahmen tatsächlich passiert

Durch Sanierungen werden diese Systeme verändert:

  1. Gebäude werden dichter
  2. Temperaturverläufe verschieben sich
  3. Feuchteverhalten wird beeinflusst

Die Folge ist oft ein Ungleichgewicht im Bauteil.

 

Innendämmung: ein typisches Beispiel

Innendämmung wirkt auf den ersten Blick sinnvoll.

Bauphysikalisch passiert jedoch Folgendes:

  1. die Außenwand kühlt stärker aus
  2. der Taupunkt verschiebt sich in das Bauteil
  3. Feuchtigkeit kann im Inneren kondensieren

Werden zusätzlich dichte oder nicht kapillaraktive Materialien eingesetzt, bleibt diese Feuchte im System.

Das Ergebnis:

  1. Durchfeuchtung
  2. Schimmelbildung
  3. Schädigung von Holzbauteilen

 

Luftdichtheit: wenn ein Vorteil zum Problem wird

Neue Fenster und dichte Anschlüsse reduzieren den Luftwechsel.

Früher wurde Feuchtigkeit oft unkontrolliert abgeführt.

Heute bleibt sie im Gebäude – und teilweise im Bauteil.

Ohne funktionierendes Lüftungskonzept entsteht ein neues Problem, das vorher nicht vorhanden war.

 

Ungeeignete Materialien im Bestand

Ein weiterer kritischer Punkt ist die Materialwahl.

Häufig werden eingesetzt:

  1. zementhaltige Putze
  2. kunststoffvergütete Beschichtungen
  3. zu dichte Abdichtungssysteme

Diese Materialien verändern das ursprüngliche System.

Die Folge:

  1. Feuchtigkeit kann nicht mehr austreten
  2. sie sammelt sich im Bauteil
  3. Salze werden transportiert
  4. Schäden entstehen

 

Die gefährlichste Situation: Kombination mehrerer Maßnahmen

Besonders kritisch wird es, wenn mehrere Eingriffe zusammenwirken:

  1. Innendämmung
  2. neue Fenster
  3. dichte Putze
  4. fehlendes Lüftungskonzept

Diese Kombination führt zu einem System, das bauphysikalisch nicht mehr funktioniert.

 

Das eigentliche Problem: fehlendes Systemverständnis

Ein Gebäude ist kein einzelnes Bauteil.

Es ist ein Zusammenspiel vieler Faktoren.

Wer nur einzelne Maßnahmen betrachtet, übersieht die Wechselwirkungen.

Die Folge ist kein Zufall, sondern eine logische Entwicklung: Schäden entstehen zwangsläufig.

 

Bestandsfeuchte: der oft ignorierte Ausgangspunkt

Altbauten haben fast immer eine Grundfeuchte.

Diese entsteht durch:

  1. aufsteigende Feuchte
  2. seitlichen Feuchteeintrag
  3. hygroskopische Salze

Wird ein solches Gebäude abgedichtet, ohne diese Feuchte zu berücksichtigen, wird sie im System eingeschlossen.

Das beschleunigt die Schadensentwicklung.

 

Berechnung vs. Realität

Viele Maßnahmen basieren auf Berechnungen.

Diese berücksichtigen oft nicht:

  1. reale Feuchtebelastung
  2. hygroskopische Effekte
  3. kapillare Prozesse

Das Ergebnis sind Systeme, die rechnerisch funktionieren – aber in der Praxis versagen.

 

Die Rolle des Energieberaters

Ein Energieberater trägt Verantwortung.

Dazu gehört:

  1. Bewertung des Bestands
  2. Berücksichtigung von Feuchte und Salzen
  3. bauphysikalische Einordnung der Maßnahmen
  4. Erarbeitung eines Gesamtkonzepts

Wer Standardlösungen empfiehlt, ohne das Gebäude zu analysieren, handelt fachlich unzureichend.

 

Was Eigentümer unbedingt prüfen sollten

Vor jeder Maßnahme sollten zentrale Fragen geklärt werden:

  1. Wurde eine vollständige Feuchteanalyse durchgeführt?
  2. Wurden Salzbelastungen berücksichtigt?
  3. Wird das Gebäude als System betrachtet?
  4. Sind die Materialien diffusionsoffen und kapillaraktiv?
  5. Gibt es ein funktionierendes Lüftungskonzept?
  6. Ist die Maßnahme technisch sinnvoll oder nur förderfähig?

Wenn diese Fragen nicht beantwortet sind, besteht ein hohes Risiko.

 

Für wen dieses Thema entscheidend ist

Für Eigentümer

Eine Sanierung kann Schäden verursachen, wenn sie nicht zum Gebäude passt.

Für Käufer

Sanierte Immobilien sind nicht automatisch besser – sie können versteckte Probleme enthalten.

Für Makler

Das Verständnis solcher Zusammenhänge hilft, Qualität realistisch einzuschätzen.

 

Fazit: Das Problem ist nicht das Gebäude, sondern die Herangehensweise

Die größten Schäden entstehen nicht, weil Altbauten alt sind.

Sie entstehen, weil moderne Maßnahmen ohne Verständnis für das System umgesetzt werden.

Wer blind saniert, riskiert Schäden.

Wer das Gebäude versteht, kann es dauerhaft erhalten.

 

Oder anders gesagt:

Nicht die Dämmung entscheidet über den Erfolg – sondern das Verständnis des Gebäudes.